Erinnerungskultur

Nie zuvor sind Menschen so alt geworden wie in den aktuellen Industriestaaten. Nie zuvor haben Menschen in ihrer individuellen Erinnerung einen derartig langen Zeitraum erlebt und können aus der Vergangenheit berichten, ohne in ein Geschichtsbuch zu schauen. Wenn sie es allerdings tun, dann erleben sie oft, dass die Vergangenheit zwar historisch aufgearbeitet erscheint, ihre eigenen Erlebnisse aber nicht dazu zu passen scheinen.


Die ´Initiative Erinnerungskultur` hat sich gegründet aus Zeitzeugen, die im Zuge der Erforschung der Situation von polnischen und sowjetischen Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen im Raum Delbrück 1939 – 1945 befragt wurden (2011 – 2013). Dabei wurde deutlich, dass besonders über die Erinnerungen aus der Kindheit in der Zeit des Nationalsozialismus wenn überhaupt nur im ganz privaten Rahmen, aber nicht öffentlich gesprochen wurde. Wie sollen Nachkommen die regionale Vergangenheit unabhängig von oberflächlichen, pauschalen Überlieferungen begreifen, wenn nicht darüber gesprochen wird?


Viele Zeitzeugen sagten: “Sie hätten vor 10 Jahren kommen sollen mit Ihren Fragen, da lebten noch viel der Beteiligten, aber da wollte man nicht darüber sprechen.“


Ziel der Initiative Erinnerungskultur ist es, sich in einer konstruktiven, offenen und wertschätzenden Atmosphäre über die regionalen Erfahrungen in der Vergangenheit auszutauschen. Dies betrifft die Zeit des Nationalsozialismus, und selbstverständlich auch die Jahre danach. In Bezug auf die Zeit des Nationalsozialismus wird mit einer besonderen Sensibilität vorgegangen. Im Fokus stehen vor allem Opfer und deren Familien. Darüber hinaus ist es nicht das Ziel der Initiative, eine Vergangenheit „aufzuarbeiten“, sondern sie strukturell verstehbarer zu machen. Regionale Zusammenhänge und Hintergründe, Vorkommnisse und Übriges können so offensichtlich und damit von selbst erklärbar werden und ein Heimatbewusstsein ermöglichen, das den Blick auf Schattenseiten nicht scheut.


Die Handlungsfähigkeit von Menschen einer Region zeigt sich gerade darin, wie realistisch selbstbewusst die Menschen mit der eigenen Vergangenheit klar und verantwortungsvoll umgehen, so dass sie sich heimisch fühlen können. Dies beinhaltet auch das Angebot an Neu-Delbrücker, sich in der regionalen Kultur zurechtzufinden.

Selbstverständlich sind jüngere Menschen eingeladen, sich mit interessiertem Zuhören und Fragen zu beteiligen.


Die angesprochenenen Themen und Ereignisse werden gesammelt und nachverfolgt und dazu in Archiven nach Belegen und Hinweisen gesucht.
Fotos, Dokumente, Karten und Utensilien können digitalisiert werden und als Leihgabe oder dauerhaft an das Stadtarchiv in Delbrück übergeben werden.

Die Gruppe trifft sich zu bestimmten Themengebieten, welche die Teilnehmerinnen und Teilnehmer selber einbringen.
Interessierte könne sich selbst und Themen melden.